Wie wir messen
Diese Seite legt die vollständige Berechnung offen. Sie können jeden Wert, den wir Ihnen anzeigen, damit selbst nachrechnen. Version 1.0.0.
Warum wir das offenlegen
Über den Zustand deutscher Online-Shops kursieren sehr unterschiedliche Zahlen. Das liegt selten an den Shops und fast immer an der Messmethode: Wer nur die Startseite prüft, kommt zu einem anderen Ergebnis als wer die gesamte Kaufstrecke prüft; wer nur nach kritischen Fehlern sucht, zu einem anderen als wer jede Empfehlung mitzählt.
Deshalb behaupten wir nichts über „den Markt", sondern sagen genau, was wir gemessen haben und wie. Eine Zahl, deren Zustandekommen man nachvollziehen kann, hält jeder Nachfrage stand. Eine Zahl ohne Methode ist nur eine Meinung.
Der Prüfablauf
- Laden. Wir öffnen die Seite in Chromium mit deutscher Spracheinstellung und einem Fenster von 1440 × 900 Punkten. JavaScript läuft vollständig. Wir warten, bis sich der Seiteninhalt nicht mehr verändert — sonst schwankt das Ergebnis zwischen zwei Läufen.
- Einwilligungsbanner. Falls eines vorhanden ist, prüfen wir zuerst, ob es per Tastatur erreichbar ist. Danach schließen wir es über die datensparsame Option — „Ablehnen" oder „Nur notwendige" — und prüfen weiter, was dahinter liegt.
- Tastatur. Wir drücken bis zu 60-mal die Tabulatortaste und protokollieren für jede Station, welches Element den Fokus hat, ob er sichtbar ist und ob das Element im Bild liegt. So finden wir Tastaturfallen, unsichtbare Fokusrahmen und Sprünge in der Reihenfolge — Dinge, die eine reine Quelltextanalyse nicht sehen kann.
- Regelprüfung. Wir führen axe-core aus, gegen die Regelsätze
wcag2a,wcag2aa,wcag21a,wcag21aaundbest-practice. Nicht enthalten sind AAA-Kriterien und WCAG 2.2 — beides ist nicht der Maßstab des BFSG, und wir behaupten nicht, mehr zu prüfen als verlangt. - BFSG-Pflichtangaben. Eigene Prüfungen, die kein internationales Werkzeug hat, weil sie aus deutschem Recht folgen: Gibt es Informationen zur Barrierefreiheit? Gibt es einen Weg, eine Barriere zu melden?
- Inhaltliche Prüfung. Alternativtexte, die aus einem Dateinamen bestehen, und Linktexte wie „hier klicken" erkennen wir mit festen Regeln. Bei den übrigen kann eine Modellprüfung hinzukommen; ob sie gelaufen ist, steht in jedem Ergebnis.
- Umbruch bei 320 Pixeln. Zum Schluss verkleinern wir das Fenster auf 320 Punkte Breite und prüfen, ob man den Inhalt seitlich schieben muss (WCAG 1.4.10). Das entspricht 400 % Vergrößerung auf einem gewöhnlichen Bildschirm — und zugleich einem schmalen Mobiltelefon. Tabellen, Bilder und Bereiche, die für sich scrollen dürfen, sind laut Norm ausgenommen. Dieser Schritt kommt zuletzt, weil er das Fenster verändert; alle übrigen Messungen und Bildschirmfotos entstehen in voller Breite.
Die Berechnung des Werts
Jeder Befund erzeugt eine Fehlerlast. Sie ergibt sich aus drei Faktoren:
| Faktor | Wert | Begründung |
|---|---|---|
| Schweregrad Kritisch | 10 | Macht die Nutzung unmöglich. |
| Schweregrad Schwer | 6 | Macht die Nutzung deutlich schwerer. |
| Schweregrad Mittel | 2.5 | Stört, ist aber umgehbar. |
| Schweregrad Gering | 1 | Beeinträchtigt kaum. |
| Menge | 1 + ln(n), höchstens 3.2 | Fünfzig gleichartige Fehler sind schlimmer als einer, aber nicht fünfzigmal so schlimm — sie stammen meist aus einer einzigen Stelle in der Vorlage. |
| Kaufstrecke | × 1.35 | Befunde, die den Bestellvorgang betreffen, wiegen schwerer — dort entsteht der wirtschaftliche Schaden. |
| Obergrenze je Regel | 40 | Keine einzelne Regel darf das Ergebnis allein bestimmen. |
Aus der Summe aller Fehlerlasten entsteht der Wert:
Wert = 100 × e^(−Gesamtlast / 85)Ein exponentieller Verlauf statt eines linearen Abzugs: Sonst landen alle wirklich schlechten Seiten gleichermaßen bei null und wären nicht mehr unterscheidbar. Für eine Auswertung über viele Shops hinweg wäre das wertlos.
Harte Obergrenzen
Manche Befunde machen den Vorgang schlicht unmöglich. Sie begrenzen den Wert unabhängig vom Rest:
- Tastaturfalle: höchstens 30. Wenn der Fokus hängen bleibt, ist alles dahinter — auch der Bestellabschluss — per Tastatur unerreichbar.
- Gesamte Seite für Screenreader ausgeblendet: höchstens 25.
- Mindestens ein kritischer Befund: höchstens 60.
- Mindestens ein schwerer Befund: höchstens 84 — grün setzt voraus, dass keiner gefunden wurde.
Die Ampel
- Grün ab 85: keine automatisch erkennbaren schweren Befunde.
- Gelb ab 55: Handlungsbedarf.
- Rot darunter: deutlicher Handlungsbedarf.
Wo wir vom Prüfwerkzeug abweichen
Bei einigen Regeln bewerten wir den Schweregrad anders als axe-core. Das ist eine bewusste Entscheidung, und sie gehört offengelegt — hier steht jede einzelne davon:
label→ Kritisch: Im Shop-Kontext ist ein unbeschriftetes Feld im Checkout ein Kaufabbruch, nicht nur eine Unbequemlichkeit.select-name→ Kritisch: Größen- und Versandauswahl liegen direkt auf der Kaufstrecke.aria-toggle-field-name→ Kritisch: Das AGB-Häkchen ist im deutschen Checkout Pflicht und damit ein harter Blocker.frame-focusable-content→ Kritisch: Betrifft in Shops fast immer den Zahlungsschritt.link-name→ Kritisch: Warenkorb- und Konto-Icons sind in Shops fast immer betroffen und liegen direkt auf der Kaufstrecke.button-name→ Kritisch: Eine unbeschriftete Kaufen-Schaltfläche ist ein vollständiger Blocker.input-button-name→ Kritisch: Ohne Beschriftung der Absende-Schaltfläche lässt sich das Formular nicht abschicken. Im Checkout ist das ein vollständiger Blocker, kein Bedienkomfort.aria-hidden-body→ Kritisch: Wenn die gesamte Seite für Screenreader ausgeblendet ist, wird gar nichts vorgelesen. Das ist die vollständigste Barriere, die es gibt — schwerer geht nicht.klarvo/bfsg-keine-barrierefreiheitsinformation→ Schwer: Kein WCAG-Kriterium, aber eine eigenständige gesetzliche Pflicht — und die am leichtesten von außen prüfbare.klarvo/bfsg-pdf-dokumente→ Gering: Wird bewusst als Hinweis geführt, nicht als Verstoß: Wir haben das PDF nicht geprüft und behaupten das auch nicht.klarvo/bfsg-video-ohne-untertitel→ Mittel: Bei fremdgehosteten Videos ist die Untertitelspur von außen nicht immer sichtbar — deshalb als Hinweis, nicht als harter Verstoß.klarvo/umbruch-320→ Schwer: Im Handel entfällt der größere Teil der Bestellungen auf Mobilgeräte. Ein Layout, das dort verrutscht, trifft nicht nur sehbeeinträchtigte Kundschaft, sondern alle.klarvo/tastatur-falle→ Kritisch: Das ist der härteste Befund, den wir vergeben. Er deckelt den Gesamtwert, weil alles dahinter unerreichbar ist.klarvo/tastatur-reihenfolge→ Mittel: Automatisch gemessen an Abweichung zwischen DOM- und Layoutreihenfolge. Ob das im Einzelfall stört, entscheidet ein Mensch — deshalb nur „mittel".
Unser Regelkatalog
Für derzeit 109 Regeln pflegen wir eine eigene Beschreibung: was der Befund für echte Kundinnen und Kunden bedeutet, wen er trifft, ob er den Kauf betrifft und ob er sich automatisch, nach Freigabe oder nur durch einen Menschen beheben lässt.
Für Regeln außerhalb dieses Katalogs zeigen wir die Beschreibung des Prüfwerkzeugs an und kennzeichnen sie als solche. Wir erfinden keine Klartext-Beschreibung, die wir nicht geschrieben haben.
Was dieser Test nicht kann
Automatisierte Prüfungen decken nach übereinstimmender Einschätzung der Fachwelt nur einen Teil der WCAG-Kriterien ab. Nicht automatisch prüfbar sind unter anderem:
- ob ein vorhandener Alternativtext das Bild tatsächlich zutreffend beschreibt
- ob die Reihenfolge der Inhalte inhaltlich sinnvoll ist
- ob eine Anleitung verständlich formuliert ist
- ob ein Video-Untertitel korrekt ist
- ob die Seite mit einem echten Screenreader benutzbar ist
Deshalb schreiben wir unter jedes Ergebnis: Dies ist eine automatisierte technische Prüfung, keine Rechtsberatung und keine Konformitätsbewertung. Automatisierte Tests erkennen erfahrungsgemäß nur einen Teil der Anforderungen aus WCAG 2.1 AA. Ein gutes Ergebnis bedeutet, dass keine automatisch erkennbaren schweren Barrieren gefunden wurden — nicht, dass die Seite barrierefrei ist.
Reproduzierbarkeit
Jedes Ergebnis führt die Versionen mit, mit denen gemessen wurde — axe-core, Chromium und unsere eigene Fassung. Zwei Prüfungen derselben Seite können sich unterscheiden, wenn sich die Seite geändert hat; wechselnde Startseiten-Banner sind der häufigste Grund. An der Berechnung liegt es nicht.
Verwendete Werkzeuge
- axe-core von Deque Systems, unter der Mozilla Public License 2.0, unverändert eingebunden.
- Chromium über Playwright.